Partner für Forschung und Entwicklung

Im Auftrag von kleinen und mittelständischen Unternehmen findet und verwirklicht das IASP innovative Lösungen



































































Feuerlöscher befinden sich in vielen privaten Wohnungen, Fahrzeugen und in nahezu allen gewerblich genutzten Räumen. Wenn alles gut geht, wird ein Löscher nach zwanzig Jahren – so lange ist das Gerät einsatzfähig – unbenutzt entsorgt. Feuerlöscher gelten in Deutschland als Abfall. Rund zweitausend Tonnen Altfeuerlöschpulver fallen in Deutschland jährlich an. Eigentlich ist das ABC-Pulver, mit dem ein großer Teil der Feuerlöscher befüllt ist, viel zu schade für den Müll. Die meisten Löschpulver bestehen nämlich überwiegend aus Monoammoniumsulfat – und das ist ein wichtiger Pflanzennährstoff. Warum muss das ein Fall für die Deponie sein? Das dachte sich auch Jörg Montag, Feuerlöscher-Entsorger im brandenburgischen Pinnow. Er machte sich daran, aus den Pulverabfällen ein Düngergranulat herzustellen. Zuerst mit mäßigem Erfolg: Die Pflanzen konnten die in dem ABC-Pulvergranulat enthaltenen Nährstoffe nur schlecht aufnehmen, weil jedes Pulverteil mit einer wasserabweisenden Silikonschicht umgeben ist – gut zum Feuerlöschen, aber schlecht zum Düngen. Deshalb startete Herr Montag einen zweiten Anlauf. Gemeinsam mit dem Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte an der Humboldt Universität zu Berlin (IASP) entwickelte seine Firma in einem zweijährigen, vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojekt ein Verfahren, um die Pulverteile von der Silikonummantelung zu trennen und aus dem so gewonnenen Stickstoff und Phosphat einen flüssigen, qualitativ hochwertigen Pflanzendünger zu produzieren: „Pflanzovit“. Der Dünger ist bereits im Handel. In zwei oder drei Jahren, so hofft Jörg Montag, wird der Dünger mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet sein. Dass die Prüfung so lange dauert, hat einen einfachen Grund: Pflanzovit ist der erste Dünger, für den das Umweltzertifikat beantragt wurde und vielleicht auch der erste Dünger, der dieses Ökolabel erhält.

Für das IASP ist die Entwicklung des neuen Pflanzendüngers ein typisches Projekt. „Unternehmen produzieren nicht nur einfach Waren oder Dienstleistungen. Die meisten von ihnen tun dies auf eine bestimmte Art und Weise. Umweltschonend. Oder energieeffizient. Oder fettarm. Dadurch tun sie sich im Wettbewerb hervor. Wir helfen ihnen dabei, entsprechende Verfahren zu entwickeln oder zu optimieren. Und wir machen das nicht nur nebenbei, wie viele andere Wissenschaftler, sondern im Hauptberuf.“ So fasst Professor Siegfried Heinz, der die Gründung des IASP in den 1990er Jahren mit vorbereitet und das Institut selbst viele Jahre geleitet hat, die Besonderheit der Forschungseinrichtung zusammen.

Kleine und mittelständische Unternehmen können sich oft keine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung leisten. Das Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte bietet diesen Unternehmen deshalb die Möglichkeit, in Projekten als Partner zusammenzuarbeiten – meist mit Hilfe von Fördergeldern. Gemeinsam mit seinen Partnern identifiziert, konzipiert und realisiert das IASP innovative Entwicklungsvorhaben. Dafür stellt es auch eigene Laborräume zur Verfügung. Oftmals kommen die Impulse für ein Forschungsvorhaben von Unternehmern, die an das Institut herantreten. In anderen Fällen sind es die Mitarbeiter des Instituts selbst, die auf ein Unternehmen zugehen oder in einem Betrieb, den sie beraten, ein Innovationspotenzial aufspüren. Für Unternehmen besonders interessant: Als Mitglied der Zuse-Gemeinschaft gemeinnütziger Industrieforschungseinrichtungen strebt das IASP selbst keine Gewinne an. „Vom IASP erhält man umfangreiche Unterstützung bei der Produktentwicklung und profitiert vom aktuellen Informationsaustausch“, erklärt Michael Heinemann. Heinemann ist selbst Unternehmer. 1992 hat er von der Treuhandanstalt die Betriebe Gutena Nahrungsmittel GmbH (Filinchen Knusper-Brot) und die Neukircher Zwieback GmbH übernommen sowie 2015 die Firma SPREEwaffel Berlin-Pankow GmbH gekauft. Alle drei Marken sind mittlerweile erfolgreich auf dem gesamtdeutschen Markt platziert. Heinemann ist Sprecher des Wissenschaftlichen Rates des IASP und hat das Institut von Anfang an begleitet und mit Rat und Tat unterstützt. „In meinen Augen leistet das IASP einen wichtigen Beitrag zur Erschließung von Reserven für den Mittelstand“, meint Heinemann. „Deshalb ist die Arbeit des Instituts so wertvoll und so notwendig.“

Das IASP beschäftigt circa fünfunddreißig wissenschaftliche Mitarbeiter verschiedenster Fachrichtungen und Qualifikationen, darunter Verfahrenstechniker, Lebensmittelingenieure, Agraringenieure, Physiker, Veterinärmediziner und Betriebswirte. Schwerpunkte sind die Themenbereiche biogene Rohstoffe und Lebensmitteltechnologie. Die thematische Ausrichtung, aber auch die geglückte Balance aus wissenschaftlicher Forschung und echtem Praxisbezug erklärt sich aus der Geschichte des Instituts. Als nach der Wende die agrarwissenschaftlichen Struktureinheiten der drei Berliner Universitäten Freie Universität, Humboldt-Universität und Technische Universität neu aufgeteilt und zusammengelegt wurden, blieben einige Bereiche und Fachgebiete der Humboldt-Universität (HU) außen vor. Stärker als im Westen war im Osten die Betriebswirtschaft ein Teil der Universitätsausbildung im Agrarbereich. „Wir waren schlichtweg nicht bereit, das, was wir über Jahre aufgebaut hatten, wie alte Möbel wegzuwerfen“, resümiert Siegfried Heinz die Stimmung jener Jahre. Auch sollten die bestehenden Kooperationsverträge der HU mit wissenschaftlichen Partnern in Lateinamerika, Bulgarien und Spanien, zu denen das Team langjährige gewachsene Beziehungen unterhielt, aktiv weitergeführt werden.

Deshalb entschlossen sich einige Mitarbeiter vormaliger Fachgebiete der HU zum Sprung in die Selbstständigkeit. 1992 gründeten sie gemeinsam mit weiteren Enthusiasten den Verein zur Förderung agrar- und stadtökologischer Projekte e.V. (A.S.P.). Dreieinhalb Jahre später und mit Unterstützung der Humboldt-Universität wurde aus dem Verein heraus das Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte an der Humboldt-Universität zu Berlin (IASP) gegründet. Erste Projekte befassten sich vor allem mit Innenstadtbegrünung, Gülleverwertung und tierischer Produktion. Die größte Herausforderung bestand in den ersten Jahren darin, Forschungsaufträge und Fördermittel zu akquirieren. „Wir haben gelernt, dass Bürokratie ein notwendiges Übel ist“ – so fasst es der damalige Institutsdirektor Heinz zusammen. „Oftmals haben auch die Versuche viel länger gedauert als geplant. Das hat dann unsere Kalkulationen über den Haufen geworfen. Aber dadurch, dass alle im Institut immer mitgezogen haben und wir auch viel Hilfe von außen bekommen haben, konnten wir diese Schwierigkeiten am Ende gut meistern.“

Die Liste von bemerkenswerten Projekten, mit denen sich das IASP in den vergangenen Jahren hervorgetan hat, ist lang und vielfältig. Um nur einige zu nennen: Eine Salami aus Brandenburg wurde mit Hilfe von Rotwein und Honig aus der Region statt mit industriellen Zusatzstoffen haltbar gemacht. Aus der ansonsten nicht verwertbaren Wolle von Schafen, die zur Landschaftspflege eingesetzt werden, wurden Dünge-Pellets hergestellt. Aus Schlachtereiabfällen entwickelte das IASP ein Spezialtensid zur Sanierung von mit Schadstoffen belasteten Böden und Gewässern, und einer Berliner Bäckerei halfen die IASP-Forscher bei der Entwicklung eines neuen Vollkornbrötchens, das mit Leberwurst gefüllt ist.

Um all diese Leistungen richtig einschätzen zu können, muss man wissen: Anders als reguläre Universitätsinstitute erhält das IASP keine staatliche Grundfinanzierung. Alle laufenden Kosten für Mitarbeiter, Räume und Laborausstattungen werden aus Projektgeldern bestritten. „Für Unternehmen, die dem IASP als Projektpartner verbunden sind, ist gerade dies eine glaubwürdige Versicherung, dass hier nicht im Elfenbeinturm geforscht wird, sondern dass hier Menschen arbeiten, die auch aus betrieblicher Sicht wissen, worauf es ankommt“, meint IASP-Ratsmitglied Michael Heinemann.

Gleichwohl engagiert sich das IASP auch in wissenschaftlicher Forschung und Lehre. Mitarbeiter des Instituts geben Vorlesungen und Seminare an der Humboldt-Universität. Doktoranden der Humboldt-Universität werden am IASP ausgebildet. „Natürlich tun wir dies auch in wohlverstandenem Eigeninteresse, denn auf diese Weise rekrutieren wir künftige Mitarbeiter“, erklärt IASP-Geschäftsführer Stefan Köhler. Er selbst hat als Doktorand am Institut begonnen.

Ein Forschungsprojekt, bei dem das Nebeneinander von Forschung mit wissenschaftlichem Anspruch und der praxisorientierten Entwicklung von Produktinnovationen in besonderer Weise gelungen ist, ist eine Untersuchung zur Schotenplatzfestigkeit bei Raps. In dem Projekt, das das IASP im Auftrag des Pflanzenzuchtunternehmens Limagrain durchgeführt hat, ging es darum herauszufinden, wie der Anteil von Rapssamen reduziert werden kann, die sich vor der Ernte aus frühzeitig geplatzten Schoten lösen und zu Boden fallen – wo sie nicht mehr weiter verwertet werden können. „Das Problem bei der Rapsernte ist, dass die Pflanzen von oben nach unten abreifen. Von daher geht bei der Ernte immer ein Teil der Samen verloren“, erklärt Andreas Muskolus, Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsstation des IASP. Das Messverfahren nimmt sich auf den ersten Blick denkbar einfach aus: Die Rapsschoten werden einzeln in eine mechanische Vorrichtung eingespannt. Mit der Vorrichtung lässt sich die Zugkraft bestimmen, die notwendig ist, um eine Schote zum Aufplatzen zu bringen. Um mit Hilfe des Verfahrens aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, war jedoch eine lange Reihe von Tests erforderlich. „Wir mussten erst einmal herausfinden, ob es für die Messergebnisse eine Rolle spielt, wie lange die Schoten vor der Messung gelagert werden. Da wir im gesamten Bundesgebiet Proben genommen haben, konnten wir natürlich nicht überall gleichzeitig bei der Ernte an Ort und Stelle sein“, erläutert IASP-Forscher Muskolus. „Dann mussten wir schauen, ob es Unterschiede zwischen Schoten gibt, die weiter oben oder weiter unten an der Pflanze gereift waren. Außerdem gibt es im Labor oft den Effekt, dass die Handhabung der Apparaturen und die Übung, die der Labormitarbeiter im Laufe der Zeit erwirbt, sich auf die Ergebnisse auswirken. Auch das mussten wir ausschließen.“

Das Resultat der Untersuchungen lässt aufhorchen: Mit der neuen Methode konnte erstmals nachgewiesen werden, dass der ausschlaggebende Faktor für die Platzfestigkeit die Rapssorte ist. Dies lag alles andere als auf der Hand: Pflanzenschutzmittelhersteller werben seit Jahren dafür, dass durch den Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmittel die Platzfestigkeit verbessert werden kann, weil durch die Chemikalien der Abreifeprozess verändert werde. „Die Untersuchungen zeigen, dass die Wirkung der Genetik größer ist“, resümiert Wolfgang Lüders, Produktmanager Raps bei Limagrain. „Auf Basis der Daten, die das IASP erhoben und ausgewertet hat, sind wir jetzt sogar in der Lage, die Platzfestigkeit in der Genomsequenz der Pflanzen zu erkennen.“

Auf diese Weise kann Limagrain in Zukunft zielgenau auf Platzfestigkeit hin selektieren und Sorten, die sich bereits als platzfest erwiesen haben, mit anderen vorteilhaften Eigenschaften kombinieren. Einen unmittelbaren Nutzen hat die Firma jedoch bereits heute: „Unsere Kunden, die Landwirte, sind eher kritisch. Mit reißerischer Werbung landet man bei denen nicht. Mit fundierten und unabhängigen Erkenntnissen aber schon“, meint Produktmanager Lüders. Auch aus Sicht des IASP hat sich das Projekt gelohnt. Muskolus: „Wenn unsere Forschungen dazu beitragen, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert wird, dann freut uns das natürlich. Spannend war für mich aber auch etwas anderes: Als Wissenschaftler wird man im akademischen Betrieb ja vor allem an der Anzahl relevanter Veröffentlichungen gemessen. Bei Projekten wie jenem gemeinsam mit Limagrain wird aber schnell klar: Viele Details, die für die Forschungsaufgabe und die Entwicklung von Messverfahren eine wichtige Rolle spielen, werden gar nicht veröffentlicht. Das verändert den Blickwinkel: Auch für meine Erfolgsbilanz als Wissenschaftler werden die Dinge, die in der Praxis geschehen, auf einmal wichtiger als das, was am Ende auf Papier geschrieben steht.“

Dr. Ralf Grötker

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